Kollateralschaden

Serie: Gefährliche Meinungsbazillen
ein Text von von Sören M.Fey

In unserer Serie „Gefährliche Meinungsbazillen“ beleuchten wir bestimmte Begriffe, die gerne in der Kommunikation benutzt werden, um Menschen, wir sagen es mal höflich, auf die falsch Fährte zu locken. Der Begriff Kollateralschaden wird oft als   farblich eingefärbter Begriff verwendet, um die Auswirkungen bestimmter Sachlagen nicht zu negativ erscheinen zu lassen. 

 Kollateralschaden – neutrale Begriffserklärung!

Hört sich harmlos an und heißt eigentlich Begleitschaden. Dieser Begriff wird unter anderem im Feuerwehr- und Rettungswesen als jener Schaden bezeichnet, der durch die Rettungsmaßnahme erst verursacht wurde, aber zur Erreichung des Ziels unabdingbar war. In juristischen Kontext hat der Begriff eher was mit Ansprüchen aus einem Schaden zu tun. (Schadensregulierung/Begleitschäden)

Nachfolgend Beispiele aus Politik und Alltag: (Mit den Pfeiltasten können Sie die Texte auf und zuklappen)

Außenpolitik

In der außenpolitischen Diskussion wird dieser Begriff überwiegend verharmlosend benutzt, um Zerstörungen und Opfer in der Zivilbevölkerung durch kriegerische Handlungen oder gar Kriegsverbrechen zu verniedlichen. Damit soll der Bevölkerung im Prinzip gesagt werden, dass zivile Opfer eines angeblich „gerechtfertigten“ Kriegseinsatz ein „bedauernswerter“ Begleitschaden ist.

Werden hingegen Zerstörungen und Opfer in der Zivilbevölkerung durch kriegerische Handlungen Anderer , die nicht zu uns „Guten“ gehören, wird dessen Handlungen und Wirkungen sprachlich negativ eingefärbt. Konkret: Wenn ein Natobomber ein Krankenhaus zerstört sprechen Meinungsmacher_Innen in westlichen Medien von Kollateralschaden. Machen „militärische Gegner“ das Gleiche wird von „Barbarei“ „Abschlachtungen“ oder „Unrecht“ gesprochen bzw. geschrieben.

Heißt: Die Guten (also wir und die USA) produzieren Begleitschäden und die Bösen (z.B im Serienkonflikt die Russen und Assad) begehen Verbrechen und müssen mit harter Sprache entgegengetreten werden.

Welche neutrale Sprache für Kriegsfolgen soll aber nun gebraucht werden, damit nicht manipuliert wird ? 

Humanitäre Katastrophe? Klingt auch wie so ein sprachlicher Kompromiß. Barbarei und Unrecht ist schon Ok. Es ist egal ob ein Natobomber oder ein russischer Bomber ein Krankenhaus zerstört. Krieg ist immer katastrophal und sprachliche Verniedlichungen dürfen diese Katastrophe nicht rechtfertigen. Krieg ist immer grausam und es gibt faktisch keine Gewinner, aber viel Tote und Verlierer. Da ist es gerechtfertigt, das auch klar zu benennen. Krieg ist negativ, da ist es abwegig Kriegsfolgen einzufärben.

Warum wird dieser Doppelstandard trotzdem sprachlich gebraucht? Ich denke Sie wissen warum!

 

 

Berufliche Ebene

Auch im beruflichen Leben hat sich der Begriff „Kollateralschäden“ etabliert.

Unliebsame Beschäftigte, die Fehler machten, werden von Führungskräften für einen schweren „wirtschaftlichen Schaden“ verantwortlich gemacht, die arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen wird/könnte, während „verantwortungsbewußte“ Beschäftigte für ihren Weitblick gelobt werden und eben in dieser schwierigen Situation gewisse Kollateralschäden unvermeidbar waren.

Beispiel

Mitarbeiterin Unliebsam (gilt als Betriebsratsnah) disponierte versehentlich 10 TV Geräte, statt der üblichen 5 TV Geräte, die in der Regel in dieser Preisklasse abverkauft werden. Sie bindet dadurch festgelegte unnötige Lagerkapazitäten, die eigentlich für fluorierende Produkte benötigt werden. Dieser Mitarbeiterin soll nun ab bzw. ermahnt werden.

Mitarbeiter Strebsam (gilt als sehr konform und soll gefördert werden) disponierte zeitgleich 20 Mikrowellen, statt der üblichen 10 Mikrowellen. Auch hier werden unnötige Lagerkapazitäten beansprucht.
Würde hier mit gleichem Maß gemessen  ,müssen entweder beide Beschäftige abgemahnt/ermahnt oder bei Beiden ein Auge zugedrückt werden. (Ich bin für Letzteres!)

Stattdessen erklärt die Führungsebene der Belegschaft, die beide Vorgänge bewußt wahrgenommen haben und in der Betriebsversammlung um Stellungnahme gebeten haben , folgendes:

Wir haben eine wirtschaftliche schwere Situation: Unserer Lagerkapazitäten sind begrenzt und die vorgegebene Umschlaghäufigkeit unserer Top Hits müssen jederzeit gewährleistet werden. Deswegen müssen wir Mitarbeiter ab oder ermahnen, die unserer Kapazitäten durch Dispositionsfehler blockieren. Herrn Strebsam möchten wir aber ausdrücklich für die Weitsicht loben, Synergien im Einkauf genutzt zu haben. In solch einem Fall sind dann selbstverständlich Kollateralschäden unvermeidbar.

Dieses nachgestellte Beispiel zeigt natürlich absichtlich eine dekadente Führungskultur  und ist natürlich absolut überspitzt und hoffentlich nicht die Regel. Oder doch?

Die oben nachgestellten Manipulateure bedienen sich natürlich noch eine ganz anderer Methode. Nämlich die Methode: Unüberprüfbare Faktendarstellung. Die meisten normalen Beschäftigten können schlicht und ergreifend die angeführten Synergien gar nicht überprüfen, weil sie gar keinen Einblick auf die faktischen Einkaufspolitik haben.

Im Prinzip genauso wie mündige Bürger keinen genauen Einblick in Militärinternas haben, die plötzlich als Begründung aus dem Hut gezaubert werden. Entschulden Sie den Vergleich. Krieg und Einkaufspolitik? Das war eine Meinungsbazille. Aber die wollte ich jetzt auch schleudern !

 

Persönliche Ebene

Und ebenfalls auf der persönlichen Ebene ist dieser Begriff eine sprachliche Größe. „ Ich mußte heute länger arbeiten und konnte deshalb meine Tochter erst später von der Kita abholen. Naja das sind halt die Kollateralschäden, die man im Kauf nehmen muss“.

Heißt also: Persönlichen Anliegen müssen für ein oberes Ziel, also die betriebliche Interessen des Unternehmen, hinten anstehen. Echt jetzt?  Dahinter steckt natürlich Anpassungsdruck. Nämlich, daß dieser Mensch froh ist einen Job zu haben und sich übergeordneten Zwängen halt unterordnet. (Machtverhältnisse).

Kollateralschäden, Begleitschäden, weil ich einen Job habe, um mein Leben (Überleben) zu organisieren?

Wer so argumentiert ist natürlich längst vom Bazillen Mutterschiff hochgradig infiziert worden. Mit großer Sicherheit wurde in diesem Beispiel die herrichtende Unternehmenskultur als Maßstab (Rahmen) genommen. Durch Führungskräfte „manipulierend“ kommuniziert. Trotzdem wir der Kollateralschaden defakto als unvermeidbar akzeptiert. Noch perverser wird es natürlich, wenn in vergleichbarer Sachlage andere Personengruppen privilegierter behandelt werden. Da fallen Ihnen wahrscheinlich spontan viele Beispiele ein, oder?

Vielleicht ist es hier in unserem Beispiel aber auch Selbstironie um genau mit diese Zwängen irgendwie klar zu kommen, ohne das persönliche Gleichgewicht zu verlieren.

 

Fazit:

Alle Beispiele sind klare Fälle von Doppelmoral/Doppelstandards mit dem Ziel, Handlungen von bestimmten Personen oder Gruppen  zu beschönigen und Fehlhandlungen ausschließlich auf Andere zu lenken. Der Begriff Kollateralschaden hinterläßt den Eindruck einer vermeidlich objektiven Beschreibung. Der Begriff wird oftmals klar zweckentfremdet, obwohl er natürlich im Kontext von Rettungsmaßnahmen seine Berechtigung hat. Zweckentfremdet eine hochgefährliche Bazille, weil sie verharmlost ,Denkblockaden produziert und unter dem Deckmantel der Objektivität zur farblichen Einfärbung taugt.

Der Begriff hielt mit den Nato-Kriegen in Jugoslawien Einzug in unserer Sprache und hat sich trotz Unwort des Jahres fest in unserer Sprache etabliert.  Deswegen ist das Kriegsbeispiel m.E elementar. Krieg darf grundsätzlich nie gerechtfertigt werden. Dieser zweckentfremdete Begriff reduziert einen Krieg auf eine Rettungsmaßnahme. Das wird gewußt so gemacht, weil so faktisch jeder Kriegseinsatz sprachlich legitimiert werden kann.

Das dieser Begriff zweckentfremdet auch im Alltag im Hohen Maße genutzt wird, zeigt eine diffuse Wechselwirkung. Unter dem Dogma von Rettungsmaßnahmen kapitulieren Menschen. Gegen Krieg wird kaum noch protestiert, Mobbing gegen kritische Mitarbeiter_innen hingenommen und Überstunden sind sowieso kein Problem. Nach dem Motto. Wir befinden uns alle auf einem Rettungsboot und sollen froh sein nicht zu ertrinken!

Die Wechselwirkung zwischen Politik, Öffentlichkeit und Alltag funktioniert. Leider viel zu gut!

Bazillenwarnstufe Begriff Kollateralschaden

Meinung des Autor:  sehr hoch

Bazillenwarnstufe dieses Beitrages 

Selbsteinschätzung des Autor : niedrig

  

Liegt der Autor dieses Beitrages mit seinen subjektiven Bazillenwarnstufen richtig? 

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